Kultur- und migrationssensible Beratung
von Carsten Bromann
Als Gesellschaft setzen wir uns zunehmend mit einer großen Vielfalt von Meinungen, Haltungen, Lebensentwürfen und Herkünften auseinander. Die zunehmende Heterogenität findet sich auch in vielen Beratungsprozessen wieder, z.B. bei bikulturellen Paaren, bei der Auseinandersetzung mit Geschlechtern oder dem Entwickeln eines eigenen Lebensentwurfs. Diese veränderte Lebens- und in der Folge die veränderte Beratungsrealität fordert Beratende heraus, die eigene kultur- und migrationssensible Kompetenz permanent weiterzuentwickeln.
Selbsterfahrung als Einstieg ins Thema
Als Einstieg in das Thema lohnt es sich, sich der eigenen biographischen Erfahrungen zu den eigenen Kultur- und Migrationserfahrungen bewusst zu werden. Dazu kann folgende kleine Übung „Minderheits- und Mehrheitserfahrungen im Lebenslauf“ dienen:
Übungsanleitung
Bitte zeichnen Sie eine Lebenslinie auf einem Blatt und kennzeichnen Sie zunächst die Jahreszahlen im 5 Jahresabstand. Beschriften Sie grob jeweils einzelne Lebensabschnitte (z.B. Frühe Kindheit, Grundschule, Schulzeit, Ausbildung/ Studium, Berufseinstieg; Familienphase) auf der Lebenslinie. Überlegen Sie, in welchen Situationen Sie Minderheitserfahrungen gemacht haben? Minderheitserfahrungen sind Erfahrungen, bei denen die meisten Menschen, mit denen Sie im Kontakt waren, in einzelnen Aspekten andere Merkmale aufwiesen als Sie (z.B. religiöse Haltungen, kulturelle Gewohnheiten, Sprache, Herkunftssituation). Markieren Sie die Minderheitserfahrungen in Ihrem Lebenslauf oberhalb der Lebenslinie. In welchen Situationen waren Sie in einer Mehrheitsgruppe z.B. bezüglich Geschlecht, Nationalität, Sprache, Religion, politische Haltung und markieren Sie die wichtigsten Mehrheitserfahrungen unterhalb der Lebenslinie?
Gesprächsanleitung
Schauen Sie sich die eigene Lebenslinie an. Was überwiegt in Ihrem Leben, Minderheits- oder Mehrheitserfahrungen? Wie hat sich das angefühlt? Was war gut an den jeweiligen Erfahrungen? Was ist Ihnen jeweils schwergefallen, einer Minderheit oder einer Mehrheit anzugehören?
Rollenspiele
Eine Person ist in der Berater*innen, eine in der Klient*innenrolle. Suchen Sie jeweils eine Minderheits- und eine Mehrheitssituation aus, über die Sie sprechen wollen. Die Berater*in hat nur die Aufgabe den Prozess der Reflexion der Klient*in zu begleiten. Nach ca 20 Minuten werden die Rollen getauscht. Abschließend findet ein kurzer Austausch über das Rollenspiel statt.
Definition von Kultur
Zunächst sollte der Begriff der Kultur definiert werden.
Eine Definition beschreibt Kultur folgendermaßen:
„Kultur bezeichnet demnach ein geteiltes Gefüge („System“ oder eine „Struktur“) von Werten, Normen und Deutungsmustern, die sich gegenseitig stützen. In diesem Gefüge gibt es zentrale Einstellungen und Überzeugungen, die den „Kern“ dieser Kultur konstituieren und die zeitlich relativ konstant sind…“
Schiffauer 2002. S. 4 zitiert nach Friese 2019. S.12
Einen Kontrast zu dieser Auffassung stellt die folgende Definition dar:
„Demgegenüber wird in der Literatur ein dynamischer und durchlässiger Kulturbegriff postuliert, der Kultur nicht als Struktur, sondern als einen Prozess begreift, in dem sich Systeme in ständigem Austausch miteinander befinden….
Kulturen sind keine homogenen, widerspruchsfreien Bedeutungssysteme. Es gibt zwar deutliche Unterschiede, aber auch Überschneidungen, also kann es keine eindeutigen Grenzziehungen geben.“
Friese 2019. S. 14 ff
Wenn man beide Aspekte zusammenbringt, umfasst der Begriff Kultur einen zusammenhängenden Kern von Überzeugungen, Haltungen aber auch Emotionen, die allerdings nicht statisch immer gleich sind, sondern sowohl innerhalb einer Gruppe oder einer Kultur als auch innerhalb einer Person sich verändern können.
Definition kultur- und migrationssensible Beratung
Was lässt sich unter einer kultur- und migrationssensiblen Beratung verstehen?
„In einer migrations- und kultursensiblen Weiterentwicklung dieses Beratungsverständ-nisses („dieses psychologischen Beratungsverständnisses“ Anmerkung des Verfassers) wurde eine mehrdimensionale Sicht- und Vorgehensweise für die genannten Konfliktsituationen der Ratsuchenden entwickelt, die
- die lebensgeschichtliche psychologische Perspektive erfasst,
- eine kulturelle Bedeutungsanalyse der vorgebrachten Konfliktsituationen und der Arbeitssituation mit der/ dem Beratenden vornimmt,
- die gegenwärtige gesellschaftliche Situation mit der von ihr ausgehenden Bedeutung für das Konflikterleben der/ des Ratsuchenden und der Beziehung zwischen Ratsuchenden und Beratenden zu erfassen sucht.“
Kunze 2018. S.45 ff
Diese drei Verständnisfolien (Psychologisch, Kulturell, Gesellschaftlich) können in der Beratung sehr hilfreich sein, die Anliegen von Klient*innen zu verstehen. Die Mehrdimensionalität kann Beratende auch davor schützen, vorschnell ein eindeutiges Verständnis zu gewinnen und andere Ebenen auszulassen. So kann ein Mensch mit Migrationserfahrung sehr schnell nur auf dem Hintergrund des Herkunftslandes gesehen werden, ohne die psychologisch-biographische oder gesellschaftliche Ebene einzunehmen. Oder ein Mensch wird vorschnell psychologisch eingeschätzt, ohne den gesellschaftlichen Kontext seines Herkunftslandes zu verstehen.
Konzepte zum Verstehen von Migrationsprozessen
Bei der Beratung von Personen mit Migrationshintergrund ist es wichtig zu berücksichtigen, in welcher Phase eines Migrationsprozesses sie sich befinden. Folgendes Schaubild (nach Slutzki in Friese. 2019. S. 29 ff) gibt dazu einen guten Überblick und Hinweise für die Beratung:
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Phase
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Emotionen & Prozesse in der Phase
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Fragen in der Beratung
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1.Vorbereitung der Migration und Migrationsakt
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Es findet eine Entscheidungsfindung statt. Bei einer Flucht vor Krieg und Gewalt ist die Entscheidung eingeschränkt.
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Was waren die wichtigsten Faktoren für die Entscheidung? Wieviel Spielraum für die Entscheidungen gab es? Wer war dafür, wer dagegen?
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2.Ankommen und erste Schritte
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Die Emotionen können reichen von Euphorie, Verwirrung, Trauer, Angst, Schock. Fremdheitsgefühle können ebenso auftreten wie Heimweh.
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Welche Gefühle sind bei Ihnen aufgetaucht, als Sie neu angekommen sind? Bei wem haben welche Gefühle überwogen? Wie sind Sie mit den Gefühlen umgegangen?
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3.Konsolidierungsbemühungen, Dekompensation, Phase der Aufarbeitung
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Konflikte und Krisen können bei einzelnen Personen in der Familie unterschiedlich auftreten und zu innerfamiliären Konflikten führen.
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Wer hat auf welche Weise versucht anzukommen? Für wen war es am einfachsten und für wen am schwersten und warum?
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4.Phase der Flexibilisierung und Reorganisation
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Eine realistische Wahrnehmung der neuen Lebenssituationen setzt ein und fordert zu einer Neuorganisation des Lebensvollzugs und der Werte auf.
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Was hat Sie am meisten überrascht in der neuen Lebensumwelt? In welchen Bereichen mussten Sie sich am meisten neu ausrichten? Welche Werte konnten Sie nicht mehr so einfach leben?
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5.Anschluss und Integration
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Elemente der Herkunfts- und Aufnahmekultur werden miteinander verbunden.
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Was haben Sie aus Ihrer Herkunftskultur beibehalten? Was haben Sie auf Grund der neuen Umgebung neu in Ihrem Leben integriert?
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Weiterhin ist es wichtig, mit den Klient*innen herauszufinden, in welcher Haltung sie zu ihrer Herkunfts- und zu ihrer Aufnahmegesellschaft stehen. Dabei kann man jeweils unterscheiden, ob sie die eine oder andere Gesellschaft positiv bewerten, ob sie diese abwerten oder verleugnen oder ob sie diese idealisieren (vgl. von Schlippe. 2003, S. 44).
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Herkunftsgesellschaft
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Aufnahmegesellschaft
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Positive Bewertung
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Abwertung oder Verleugnung
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Idealisieren
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Roer-Strier (nach von Schlippe. 2003. S. 45) geht sogar soweit, eine Anpassungs-typologie zu entwerfen, die allerdings eher jeweils schwierige Anpassungsstrategien beschreibt, aber für ein erstes Verständnis hilfreich sein kann:
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Typ
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Bedeutung des Typen
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„Känguru“-Strategie
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Die eigene Kultur wird bewahrt und wie ein Kind im Kängurubeutel gepflegt und von der „bösen“ Kultur des Aufnahmelandes geschützt.
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„Kuckucks“-Strategie
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Man versucht sich schnell in einem „fremden Nest“ anzupassen, damit keiner Person auffällt, dass man eine andere Herkunft hat. Der eigene Stil und die eigene Kultur wird nicht sichtbar und deutlich gemacht.
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„Chamäleon“-Strategie
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Innerhalb der Familie wird die eigene Kultur gelebt und geachtet. Außerhalb der eigenen Familie wird die fremde Kultur gelebt und positiv bewertet.
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Die meisten Autoren sind sich einig, dass sich ein gelungener Migrationsprozess durch eine Verbundenheit mit der Herkunftskultur und einer Integration der Kultur der Aufnahmegesellschaft auszeichnet.
Der systemische Beratungsansatz einer kultur- und migrationssensiblen Beratung
Die systemische Familientherapie bildet eine sehr gute Grundlage für eine kultur- und migrationssensible Beratung, da sie grundsätzlich die Unterschiede von verschiedenen Wirklichkeitskonstruktionen betont, sie begrüßt und mit den Unterschieden arbeitet. Die systemische Beratung würde jeweils die Werte, Normen und Deutungsmuster sowie die Emotionen eines Systems (vgl. Definition von Kultur) betonen und herausarbeiten, um davon ausgehend zu erarbeiten, was sich daraus ableitet und wie die Klient*innen damit umgehen wollen.
Schon immer arbeitet die Familientherapie mit den Familientraditionen und Familienmustern und reflektiert und erweitert diese. Ähnlich lässt sich auch mit Herkunftstraditionen und Herkunftsmustern arbeiten. Das Ziel der systemischen Beratungsarbeit besteht dabei im Wesentlichen darin, diese Strukturen und Muster zu erkennen und sich jeweils individuell oder als Gruppe (Familie) dafür zu entscheiden, ob man diese Werte, Normen, Deutungsmuster oder Emotionen weiterführen will oder neue Entwicklungen beginnt.
Beispielhaft kann die Methode des interkulturellen Pendelns (vgl. Abdallah-Steinkopff. 2018) dienen, um eine systemische Arbeitsweise mit der Herkunftskultur und der Kultur der Aufnahmegesellschaft zu verdeutlichen.
Die Methode des interkulturellen Pendelns verdeutlicht die inneren Anteile einer Person oder eines Systems (z.B. eines Paares) mit verschiedenen Anteilen. Diese inneren Anteile werden polarisiert herausgearbeitet, einmal bezogen auf die Herkunftskultur und zum anderen bezogen auf die Kultur der Aufnahmegesellschaft. Dazu wird zu einer bestimmten Fragestellung (z.B. Wie geht man mit dem Autonomiebedürfnis von Kindern und Jugendlichen jeweils in den verschiedenen Kulturen um?) die verschiedenen Aspekte entweder auf eine Flipchart geschrieben oder jeweils einem Stuhl im Raum zugeordnet, auf dem die Klient*innen Platz nehmen, wenn sie über den jeweiligen Anteil sprechen. Diese Teilearbeit ist sehr verbreitet in der systemischen Arbeit und dient dazu, einen inneren Konflikt zu verdeutlichen und darüber auch eine Lösung, meistens eine integrative Lösung zu finden.
Beratungsbeispiel für den Einsatz des interkulturellen Pendelns in einer Erziehungsberatung
Ein Vater (42 J), der in der Türkei geboren wurde und seit 17 Jahren in Deutschland lebt, kommt in die Beratungsstelle auf Anregung der Schule. Sein ältester Sohn 13 J. würde in der Schule oftmals stören, sich mit Mitschüler*innen streiten und manchmal Anweisungen der Lehrkräfte nicht befolgen. Es solle einmal zur Beratung gehen, damit er Einfluss auf das Verhalten seines Sohnes nehmen kann.
In der Eingangsphase der Beratung wird die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland erörtert. Der Vater (damals 25 Jahre) beschreibt, dass er zunächst große Eingewöhnungsprobleme gehabt hätte, aber nun nachdem er seit 7 Jahren selbstständig tätig ist, es ihm und seiner Familie besser gehen würde.
Im Verlauf der Beratung wird deutlich, dass der Vater innerlich zwischen den beiden Kulturen der Türkei und Deutschlands hin und her gerissen ist. Deshalb wird ihm vorgeschlagen, den inneren Konflikt bezüglich des Verhaltens seines Sohnes einmal mit der Methode des interkulturellen Pendelns zu bearbeiten.
Dazu werden zwei Stühle aufgestellt. Ein Stuhl steht für seinen inneren türkischen Anteil und ein Stuhl steht für den deutschen Anteil. Der Vater setzt sich zunächst auf den „Deutschland“-Stuhl und beschreibt, was ihm durch den Kopf geht: „Ich habe seit vielen Jahren versucht, mich hier in Deutschland anzupassen und mir ist das momentan gelungen, in diesem Land und seinen Gewohnheiten anzukommen. Meinen Kindern habe ich immer gesagt, wie wichtig es ist, die Regeln dieses Landes zu befolgen, damit sie hier gut zurechtkommen und aus ihnen etwas wird.“
Dann setzt der Vater sich auf den „Türkei“-Stuhl. Er sagt: „In der Türkei war in meiner Familie die Schule nicht so wichtig. Die Lehrer waren nicht so streng. Es war nicht so anstrengend, in der Türkei in die Schule zu gehen. Der Schulabschluss hat nicht so eine wichtige Rolle gespielt. Wie man mit seinem Leben zurechtkam und was man beruflich gemacht hat, hatte nicht so viel mit dem Schulabschluss zu tun.“
Wieder auf dem „Deutschland“-Stuhl sagt er dann: „Mit dieser Haltung kann man in Deutschland nichts werden. Ohne Schulabschluss kannst Du keinen ordentlichen Beruf erlernen und ausüben. Aber schöner wäre es schon, wenn die Schule nicht so wichtig wäre.“
Auf dem „Türkei“-Stuhl entgegnet er: „Mit dieser türkischen Mentalität ist es gar nicht so einfach mit dem deutschen Schulsystem klarzukommen. Und eigentlich ist der Schulabschluss gar nicht so wichtig, da mein Sohn sowieso mein Geschäft übernimmt.“
Nach dieser Phase des Pendelns zwischen den beiden Stühlen, setzt der Vater sich wieder auf den Beratungsstuhl. Er wird befragt, wie es ihm jeweils auf den beiden Seiten ergangen ist und was ihm deutlich geworden ist.
Er hat sich auf dem „Türkei“-Stuhl deutlich wohler und lebendiger gefühlt. Auf dem „Deutschland“-Stuhl war er verkrampfter, aber auch ein bisschen stolz, dass er diesen Stuhl ausfüllen konnte. Ihm ist deutlich geworden, wie schwierig es für seinen Sohn sein muss, mit diesen Widersprüchen umzugehen, denn vermutlich hat sein Sohn ähnliche widerstreitende Anteile in sich. Er gestand sich ein, dass er seinem Sohn gegenüber doch sehr widersprüchliche Signale sendet, die den Sohn verwirren müssen.
In der Beratung wird verabredet, dass der Vater zum nächsten Termin seinen Sohn mitbringt, damit das Thema der türkischen und deutschen Kultur gemeinsam besprochen werden kann.
Literatur
Abdallah-Steinkopff, B. 2018. Interkulturelle Erziehungskompetenzen stärken. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen
Friese, P. 2019. Kultur- und migrationssensible Beratung. Beltz Juventa. Weinheim
Kunze, N. 2018. Kultur- und gesellschaftssensible Beratung von Migrantinnen und Migranten. Psychosozial-Verlag. Gießen
Von Schlippe, A./ El Hachimi, M./ Jürgens, G. 2003. Multikulturelle systemische Praxis. Carl-Auer-Verlag. Heidelberg
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